Wo ist der Ursprung der weltweiten Virus-Pandemien, die uns regelmäßig in Atem halten? In den tropischen Urwäldern – den letzten, wilden Ökosystemen.
In welche Tiere sich die Viren immer wieder zurückziehen und warum es regelmäßig zu einem ‚Übersprung‘ auf den Menschen kommt, das liest man mit atemloser Spannung in ‚Spillover – der tierische Ursprung weltweiter Seuchen’….
Anschaulich und äußerst fundiert führt uns der US-amerikanische Wissenschaftsjournalist David Quammen in die Thematik ein. ‚Spillover‘, im Jahr 2012 erschienen, liest sich streckenweise wie ein Krimi, dabei aber immer faktenbasiert und nie reißerisch.
Was wir lernen: Forschungsergebnisse sind in den meisten Fällen das Resultat aus Hartnäckigkeit und Querdenken. Oft kommen sie aber auch durch puren Zufall zustande – oder durch die richtige Intuition, wenn es um die Interpretation der Fakten geht.
Zum Beispiel Tierviren: Über viele Jahrhunderte entwickelten sie sich gemeinsam mit ihren Wirten. Zwar wurden einige Tiere krank, doch immer blieb die Population stabil.
Bis sich der Mensch ihren Habitaten zu sehr näherte…
Wo HIV seinen Ursprung hat
1908: Ein Jäger steckt sich bei der Zubereitung eines Schimpansen an – das ist nachweislich die erste HIV-Infektion eines Menschen. Geschehen in einer Region zwischen zwei Flussläufen im Südosten Kameruns. Das Virus – das affentypische Simian Immundeficiency Virus SIV – lebte über lange Zeit angepasst in der Schimpansenpopulation.
Mit dem Menschenkontakt überwand es die Artgrenzen und entwickelte sich sich zu HIV-1. Über die Flussläufe gelangte der Erreger in die großen Städte, deren Bevölkerung zwischen 1940 und 1960 stark anwuchs. Damit wandelten sich auch die gesellschaftlichen Beziehungen. Spritzenbehandlungen sorgten für eine weitere Verbreitung. In den Jahren 1959 und 1960 konnten im Kongo zwei Mutanten von HIV isoliert werden, die mit einiger Sicherheit aus den Patienten Null stammten.
Rückblickend sind für viele Forscher die Injektionen gegen Tropenkrankheiten der entscheidende Faktor zur weiteren Verbreitung von HIV. Auf diese Art wurden bis Mitte des 20. Jahrhunderts Schlafkrankheit, Malaria und Syphilis behandelt, fatalerweise ohne besondere Hygienemaßnahmen. Subtypen des Virus verbreiteten sich nach Ostafrika. Über Arbeitskräfte aus Haiti, die nach der Unabhängigkeit des Kongo den Aufbau unterstützten, kam HIV in die Karibik.
Das geschah im Jahr 1966. Die Insel war damals ein Zentrum der Blutplasmaherstellung, und viele Haitianer infizierten sich während der Blutspende. 1969 kam der Erreger in den USA an, vermutlich in einer einzigen Blutkonserve…
Reservoir im Urwald
Es ist das jähr 1976, als der Ebola-Virus erstmalig in Westafrika auftaucht. Seitdem gibt es immer wieder zeitlich begrenzte Ausbrüche, von der Elfenbeinküste bis nach Uganda. Dabei sterben auch massenhaft Schimpansen und Gorillas. Und so kam das Virus zu den Menschen: Ein toter Schimpanse wird von einem Jäger mitgenommen und verzehrt. Der Mann erkrankt. Pflegende Angehörige, Krankenhauspersonal und traditionelle Heiler infizieren sich. Die Sterblichkeit ist mit 60-75 Prozent sehr hoch, vermutlich höher als die der gefürchteten Pestepidemien im Mittelalter.
Jahrzehntelang suchten die Forscher nach dem Reservoir und wurden nicht fündig. Schließlich verdichteten sich die Hinweise, dass Flughunde in den zentralafrikanischen Wäldern die Viren beherbergen.
Doch nicht nur das. Fledertiere – Flughunde und Fledermäuse – sind auch das Reservoir des Marburgvirus und des SARS-ähnlichen Coronavirus. Dieser war für die Pandemie der Jahre 2002/2003 verantwortlich.
Coronaviren besitzen eine hohe Evolutionsfähigkeit, das heißt, sie mutieren leicht. Außerdem können sie in Tierbeständen Epidemien verursachen. SARS verbreitete sich weltweit, nachdem er südasiatische Schleichkatzen befiel, die als Delikatesse gelten.
David Quammens Fazit:
Zoonosen, durch Tiere übertragene Infektionserkrankungen, stossen uns nicht einfach zu – sie sind ein Spiegel unserer eigenen Taten. So entscheidet ganz alleine das individuelle Verhalten.
Werden die Lebensräume von Wildtieren verengt und besiedelt und die Tiere gejagt und verspeist, kann es zum Sprung über die Artgrenze kommen. Verheerende Pandemien sind die Folge.
Dass es im Jahr 2020 der Corona-Virus von einem Wildtiermarkt im chinesischen Wuhan in die Welt schaffen würde, damit konnte der Autor bei Erscheinen seines Buches nicht ahnen. Befürchtet hat er es allerdings.
David Quammen: Spillover. Der tierische Ursprung weltweiter Seuchen. Deutsche Verlagsanstalt München, 2013

