Reisemedizin

Bevor man Fernreisen plant, lassen sich Hygieneempfehlungen, die nötigen Impfungen und prophylaktische Maßnahmen individuell reisemedizinisch abklären. Was Eltern mit Kindern besonders beachten sollten, sagte Prof Dr. med. Thomas Jelinek, Medizinischer Direktor des Berliner Zentrums für Reise- Tropenmedizin, im Interview. 

Was gibt es Neues zu Reiseimpfungen? 

Dieses Jahr wird spannend: im März wird ein Impfstoff gegen Dengue-Fieber ausgeliefert, was für jeden reisemedizinischen Patienten wichtig ist. In der zweiten Jahreshälfte erwarten wir einen Impfstoff gegen Chikungunya. Von allgemeinem Interesse ist sicher die Impfung gegen den respiratorischen syncytialen Virus, die nach Schnellzulassung möglich sein wird.     

Malaria: Wann kann man statt medikamentöser Prophylaxe auf Stand-by Medikamente setzen?

Man sollte das Risiko je nach Reiseregion abwägen. Das heißt, entsprechend der Wahrscheinlichkeit, sich mit Malaria zu infizieren oder Nebenwirkungen der Medikation mit Atovaquon/Proguanil zu erleiden. Sollte das Risiko für Malaria niedriger sein als das Risiko für schwere Nebenwirkungen, steigt man auf die Notfallmedikation aus der Reiseapotheke um. Das gilt für Lateinamerika und viele Ländern Asiens. In Subsahara-Afrika ist dagegen eine medikamentöse Prophylaxe nötig.

Sind durch die Ausbreitung von Vektoren mehr Infektionserkrankungen in gemäßigten Klimaregionen zu erwarten

Auf jeden Fall. Beispielsweise breitet sich in Deutschland die Tigermücke aus, zuerst in Süddeutschland am Rhein und von dort aus andere Regionen. Der Trigger ist aber nicht unbedingt der Klimawandel, sondern eher die Globalisierung von Waren, an denen Gelege von Moskitos kleben.

Das mildere Klima, vor allem im Winter, nützt den Mücken, dadurch erhöht sich das Potential für entsprechende Übertragungen. Doch können keine ununterbrochenen Infektionszyklen aufgebaut werden, dafür ist der Winter hier zu kalt.

Was passieren kann: Wenn die Mücken im Sommer aktiv sind und eine Person mit Dengue- Erreger im Blut stechen, können die Mücken einen Dengue-Ausbruch provozieren. Das ist mehrfach in Frankreich und Italien vorgekommen. Sobald es kalt wird und die Mücken nicht mehr aktiv sind, endet das. Denn die Erreger überleben den Winter nicht, d.h. der Erreger muss jedes Mal neu eingeführt werden. Das ist ein großer Unterschied zu einem endemischen Gebiet mit ganzjähriger Übertragung. 

Gibt es eine Zunahme von eigenständigen Infektionen ohne Reiseanamese?

Bei uns kann kann man das noch nicht sagen. Es gab zum Beispiel Einzelfälle von Malariaübertragungen in Berlin, aber keine Häufung. Europäisch gesehen, ja, seit 2013 gibt es eigentlich jedes Jahr eigenständige Übertragungen von Dengue-Viren und neuerdings auch von Zika- und Chikungunya-Viren in Frankreich, dort bis ins Zentralmassiv, dazu Ausbrüche in Italien und Einzelfälle in Kroatien und Spanien.

Ist die tropische Bilharziose in Korsika ein Einzelfall?

Die Flüsse Solenzara und Cavu im Süden der Insel beherbergen den Wirt, eine tropische Schnecke, die vermutlich in den 1960er Jahren ausgesetzt wurde. Die Bilharziose ist seit 2011 dort bekannt. Eingetragen wurde sie wahrscheinlich durch Badende mit Blasenbilharziose, so wurden die Schnecken infiziert. Zum Glück wandern die Schnecken nicht.

Was kann man gegen multiresistente Erreger tun, beispielsweise Salmonellen aus Südostasien?

Bakteriologen sprechen in diesem Zusammenhang bereits von der nächsten Pandemie. Das 

ist ein Thema beispielsweise in Südasien, hier sind Antibiotika auf den Märkten frei verfügbar, oft als Fälschungen, mit niedrigen Wirkstoffmengen, was die Resistenzbildung fördert. Antibiotika sind außerdem im Abwasser und werden massiv in der Veterinärmedizin eingesetzt, das führt zu einer breiten Erregerexposition gegenüber Antibiotika. Ein multiresistenter Stamm von Salmonella typhi aus Südpakistan/Indien breitet sich weiter aus. Vor zwei Jahren gab es die ersten Übertragungen in die USA, das ist sehr schwer zu behandeln. 

Was kann man tun? Die Hygiene beachten und impfen, v.a. gegen Typhus.

Auch Familien mit kleinen Kindern unternehmen Fernreisen. Wie kann man die Kleinen ausreichen schützen? Welche Länder sind absolutes No-Go?

Reisemediziner sind nicht glücklich, wenn man mit Kindern in einen Ausbruch hineinreist. Das gilt für Länder mit Gelbfieberausbruch oder Hochrisikogebiete für Malaria. Denn Kinder bekommen viel leichter eine zerebrale Malaria.

Was können die Eltern tun? 

Rechtzeitig zur Beratung kommen, die Prävention gut wahrnehmen, auf effektiven Mückenschutz achten, um Stiche wirklich zu verhindern. Diethyltoluamid (DEET) ist ab dem 3., 4. oder 6. Lebensjahr zugelassen, im angloamerikanischen Raum ab dem 2. Lebensmonat, das könnte man bei der Beratung ansprechen.

Sinnvoll ist ein gutes Moskitonetz, und – ganz wichtig – eine Tollwutimpfung. Zu Tierbissen bei Kindern erreichen uns viele Anrufe von aufgeregten Eltern im Urlaub.

Stichwort Meningokokken-Meningitis bei reisenden Kindern und Jugendlichen: Es gibt gute Impfstoffe, je nach regionalem Serotyp (B bzw. ACWY), doch leider werden die Meningokokken im Impfprogramm in Deutschland stiefmütterlich behandelt. Verschiebungen von Infektionsgebieten kommen auch vor: Überraschenderweise hat sich die japanischen Enzephalitis bis nach Australien ausgebreitet. Zwar nicht sehr häufig, doch für die Betroffenen schwerwiegend.

Das Interview online:

https://www.der-privatarzt.de/artikel/interview-reisemedizin-malaria-und-dengue-fieber-ernst-nehmen-api-02-23

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