Den Juckreiz natürlich lindern  – was Bakterien leisten

Ein neuer Therapieansatz in der Prüfung: Nach vier Wochen topischer Anwendung reduzierte das stoffwechselaktive Bakterium Nitrosomonas eutropha den schlimmsten Juckreiz bei der Atopischen Dermatitis. Das betont die Rolle des Haut-Mikrobioms in der Behandlung.

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Das häufigste und zugleich belastendste Symptom der Atopischen Dermatitis (AD) ist Pruritus. Das schwer erträgliche Gefühl ruft den Drang hervor, sofort zu kratzen. Der Juck-Kratz-Zyklus verschlimmert die Schäden in der Hautbarriere, Wasser geht verloren und die Haut trocknet aus. Gleichzeitig wird ein Milieu geschaffen, das die Ansiedlung von Hautpathogenen fördert.

Pathogene Bakterien bewirken Infektionen, Entzündungsreaktionen und eine Verschlimmerung der Symptome: Juckreiz und Gewebeschäden – von moderat bis schwer. Das zu managen, ist eine große therapeutische Herausforderung. Auch wenn die topische antientzündliche Therapie ein Meilenstein in der Behandlung ist, bleibt nach wie vor ein unerfüllter therapeutischer Bedarf. 

Die Entstehung der Atopischen Dermatitis ist mit einer immunologischen Fehlregulation der Typ-2 Entzündungsantwort verbunden, außerdem mit einer Störung der Hautbarriere und einer Dysbiose. Diese beruht auf einem Verlust der mikrobiellen Diversität, weil das virulente Bakterium Staphylococcus überwiegt. Staphylococcus wird durchgängig in den ekzemartigen Hautläsionen bei atopischen Patienten gefunden, und eine Korrelation zwischen der Krankheitsschwere und der Anwesenheit von Staphylococcus aureus ist bekannt. 

Ein lebendes Biotherapeutikum

Das neue Therapeutikum B244 besteht aus einem gereinigten Stamm von Nitrosomonas eutropha, einem Ammoniak-oxidierenden Bakterium, das aus Bodenproben isoliert wurde. Auch wenn Nitrosomonas nicht Bestandteil der normalen Hautflora ist, wird diskutiert, dass das Bakterium durch die zunehmende Hygiene verloren ging. Therapeutisch aufgebracht, könnte es die normale Zusammensetzung des Hautmikrobioms wiederherstellen.

Wie in einer aktuellen Studie beschrieben, reduziert Nitrosomonas B244 möglicherweise das Überleben von Staphylococcus aureus, welches bei der Zerstörung der Hautbarriere und bei der Verschlimmerung der Symptome eine Rolle spielt. In vitro zeigte sich außerdem, dass B244 die für den Krankheitsverlauf wichtigen Interleukine verringerte. 

Nitrosomonas ist nicht virulent und kann auf der Haut Stickstoffmonoxid und Nitrit bilden. Beide Substanzen wirken antiinflammatorisch bzw. antimikrobiell und können die Symptome der AD verbessern. Die Wirksamkeit und Sicherheit im Vergleich zur Trägersubstanz wurde in einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Dosierungs-Studie (Phase 2b) in 56 US-amerikanischen Studienzentren überprüft. Eingeschlossen waren 547 Erwachsene (18- 65 Jahre) mit milder bis moderater Atopischen Dermatitis und moderatem bis schwerem Pruritus [1].         

Schlimmster Juckreiz deutlich reduziert 

Die Patienten wurden eingeteilt in eine Gruppe, die eine niedrige Dosis B244 erhielt, eine höhere Dosis oder die Trägersubstanz als Placebo. Behandelt wurde vier Wochen lang zweimal täglich mit einem topischen Spray, beobachtet wurde die Veränderung des Pruritus (Worst Itch Numeric Rating Scala).

Nach vier Wochen hatten sich alle Studienendpunkte im Vergleich zu Placebo deutlich verbessert. Speziell der Juckreiz-Score wurde um 34% reduziert (−2,8 B244 vs −2,1 unter Placebo), ausgehend von einem Basislinien-Score von > 8. Das Therapeutikum B244 wurde gut vertragen, nur leichte und vorübergehende Nebenwirkungen wurden dokumentiert, insgesamt am häufigsten Kopfschmerzen (3% niedrigdosiert, 2% hochdosiert, 1% unter Placebo). 

Wie die Studienautoren betonten, stellt B244 als topisches lebendes Biotherapeutikum eine neue Klasse in der Behandlung der Atopischen Dermatitis mit assoziiertem Pruritus dar. Eine zukünftige Studie soll Langzeitdaten zur Wirksamkeit und Sicherheit über ein Jahr liefern. B244 wird in Zukunft auch bei einer pädiatrischen Studienpopulation untersucht.

In der Praxis sei ein Einsatz als Früh-Intervention für Patienten vorstellbar, die andere Erst- oder Zweitlinienoptionen nicht nutzen können oder wollen, resümiert die Arbeitsgruppe um Jonathan Silverberg von der George Washington University School of Medicine and Health Sciences in Washington, USA [1].

In Zukunft auch pflanzlich?

Eine interessante phytotherapeutische Substanz stammt aus der chinesischen Zierquitte (Chaenomeles sinensis). Der Inhaltsstoff Euscaphissäure wirkt antiinflammatorisch, antikoagulierend und antioxidativ. Wie effektiv die Substanz bei Hautentzündung und starkem Pruritus ist, wurde experimentell im Vergleich zu Phosphatpuffer und Dexmethason überprüft. Das geschah in menschlichen aktivierten epidermalen Keratinozyten und Th2-Lymphozyten, sowie auch im AD-Modell der Maus.

Unter Euscaphissäure wurde bei der Maus die Expression entzündungsrelevanter Zytokine verbessert und juckreizauslösende Faktoren wurden reduziert. In aktivierten Keratinozyten und Th2-Lymphozyten linderte Euscaphissäure die entzündungsfördernde Signalgebung über Transkriptionsfaktoren.

Kurz, Euscaphissäure aus der Zierquitte schwächte im AD-Modell Entzündung und Pruritus effektiv ab. Damit würde man ein wirkungsvolles Naturprodukt zur Behandlung von entzündlichen Hauterkrankungen in der Hand halten, schlussfolgern die Pharmakologen aus Korea [2].  

Fazit

Bei der Behandlung der Atopischen Dermatitis dominieren topische Kortikosteroide, Calcineurininhibitoren und Immusuppressiva. Diese verringern die klinische Symptomatik, sind jedoch häufig nur begrenzt effektiv und im Falle der Kortikosteroide mit unerwünschten Wirkungen verbunden.

Entzündliche Hauterkrankungen werden auch antimikrobiell behandelt. Das kann kurzfristig erfolgreich sein, führt aber zu einer Dysbalance im Haut-Mikrobiom und zu einer Zunahme von multiresistenten Stämmen. Nicht zuletzt durch die Wechselwirkungen zwischen Immunsystem und Hauterkrankungen ist das Mikrobiom zu einem Hot Topic der Forschung geworden. Zukünftige Strategien werden daher in Richtung Diversität des Hautmikrobioms zielen.

Modulierend greift hier das Biotherapeutikum Nitrosomas eutropha B244 ein. Die topische Anwendung war im Vergleich zu Placebo bei sehr starkem Juckreiz effektiver und wirkte auch auf exzematöse Läsionen. Damit könnte das nitrifizierende Bakterium in Zukunft eine Option bei milder bis moderater AD sein, die mit schwerem Juckreiz verbunden ist. 

Dr. rer. nat. Christine Reinecke

Literatur:

1 Silverberg JI et al: Efficacy and safety of topically applied therapeutic ammonia oxidising bacteria in adults with mild-to-moderate atopic dermatitis and moderate-to-severe pruritus: a randomised, double-blind, placebo-controlled, dose-ranging, phase 2b trial. EClinicalMedicine. 2023 May 16;60:102002. https://doi.org/10.1016%2Fj.eclinm.2023.102002

2 Yeong NH et al: Inhibitory effects of euscaphic acid in the atopic dermatitis model by reducing skin inflammation and intense pruritus. Inflammation. 2022 Aug;45(4):1680-1691. https://doi.org/10.1007/s10753-022-01652-x

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https://www.der-privatarzt.de/artikel/fokus-naturmedizin-evidenzbasierte-naturheilkunde-api-03-24

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