Neues zur Vitamin C-Therapie
Vitamin C ist nötig, damit das Immunsystem normal funktioniert. Dass Ascorbinsäure auch vorbeugend bei Atemwegsinfektionen eingesetzt werden kann, beflügelt das Interesse der Forschung, seit Albert Szent-Györgyi das Molekül vor hundert Jahren isolierte. Mittlerweile ist gut belegt, dass Vitamin C bei belasteten, kranken und älteren Personen und bei niedrigen Plasmaspiegeln wirkungsvoll ist.
„Lass die Nahrung deine Medizin sein“, der Rat von Hippokrates von Kos, der die Heilkunde als eine Wissenschaft betrachtete, gilt auch für die Versorgung mit Vitamin C. Tatsächlich wirkt eine balancierte Ernährung mit ausreichend Vitamin C positiv auf das Immunsystem und kann die Empfänglichkeit gegenüber Infektionen beeinflussen…
Weiterlesen: Stärkt die Immunzellen und verringert EntzündungenDarüberhinaus kann der Biofaktor auch als Supplement ergänzt werden. Die Idee dahinter ist, dass eine Extraportion Vitamin C das Immunsystem boostert. Doch die aktuell verfügbaren Daten sprechen nicht unbedingt dafür, dass eine Nahrungsergänzung die Immunität deutlich steigert, vor allem nicht in hohen Dosen bei gesunden Individuen.
Anders die Situation bei Athleten und Personen mit niedrigen Vitamin C-Plasmakonzentrationen. Hier könnte die Supplementation gerechtfertigt sein, so die Schlussfolgerung aus einem Übersichtsartikel. Bei Adipositas und Diabetes sowie bei älteren Personen mit einem hohen Infektionsrisiko kann eine Vitamin C-Supplementation die Entzündung modulieren und sich möglicherweise auch positiv auf die Immunreaktion bei Infektionen auswirken. Dabei ist jedoch weiterhin unklar, wie genau die Extra-Gabe während einer Erkältung wirkt und ob sie vor einer Lungenentzündung schützt.
Warum Vitamin C?
Physiologisch wirkt Vitamin C als Elektronendonator und Antioxidans. Dank der Polarität des Moleküls, das sich von Traubenzucker (Glucose) ableitet, ist es gut wasserlöslich. Ascorbinsäure ist ein essentieller Mikronährstoff, der hauptsächlich zur Synthese von Kollagen und der Bildung von Interzellularsubstanz in Bindegewebe, Knorpel, Knochen und Zähnen nötig ist. Vitamin C kann vom Organismus nicht gebildet werden, da das letzte Enzym des Biosynthesewegs fehlt. Wird Ascorbinsäure aufgenommen, reichert es sich vor allem in der Hirnanhangdrüse, in den Nebennieren und Augenlinsen an.
Die spezielle Wirkung auf das Immunsystem beruht darauf, dass sich Vitamin C gezielt in Lymphozyten, Granulozyten und Monozyten anlagert, die alle zu den weißen Blutkörperchen (Leukozyten) gehören. Dabei werden 10 bis 100 mal höhere Vitamin C-Konzentrationen erreicht als im Blut. Das ist sinnvoll, denn die Immunzellen bilden reaktive Sauerstoffradikale, um Infektionserreger abzuwehren, und verbrauchen dabei viel Vitamin C.
Ob der Vitamin C-Bedarf gedeckt ist, lässt sich anhand der Plasma-Konzentration feststellen. Normalerweise liegt diese bei gesunden Europäern zwischen 60 und 90 Mikromol Vitamin C pro Liter. Gesunde Menschen erreichen den Normalwert, wenn sie täglich 100 bis 400 Milligramm Vitamin C über die Nahrung aufnehmen.
Moduliert das Immunsystem
Auf das Immunsystem bezogen, schützt Ascorbinsäure die neutrophilen Granulozyten und die Lymphozyten vor oxidativem Stress und unterstützt die Migration von phagozytischen Zellen in Richtung Infektionsstelle. Bei den T-Lymphozyten wird die Differenzierung und Proliferation von Vorläuferzellen zu reifen T- Helferzellen stimuliert, das geschieht dosisabhängig. Wie niederländische Wissenschaftler erforschten, beeinflusst Vitamin C auch die Balance der Th1 und Th2-Helferzellen. Diese T-Zell-Balance ist entscheidend für die Fähigkeit zur Immunregulation.
Physiologische Vitamin C-Spiegel sind auch nötig für die Entwicklung und Funktion der natürlichen Killerzellen, welche antigenbeladene Zielzellen identifizieren. Nicht zuletzt verhindert Vitamin C, dass die Leukozyten entzündungsfördernde Zytokine abgeben. Diese antiinflammatorische Wirkung beruht darauf, dass der nukleare Transkriptionsfaktors Kappa B gehemmt und die Aktivität epigenetischer Enzyme erhöht wird.
Wie ein Team aus Neuseeland in einer Übersichtsarbeit beschreibt, wirkte sich eine Vitamin C-Supplementation in 44 Prozent der untersuchten klinischen Studien positiv auf die Funktion der neutrophilen Granulozyten aus. Das betraf die Chemotaxis, die Phagozytose, den oxidativen Burst, die Enzymaktivität sowie die Apoptose. Erst kürzlich war entdeckt worden, dass neutrophile Granulozyten Netzwerke aus extrazellulären Fasern bilden. Diese extrazellulären, neutrophilen Fallen sind gegen pathogene Mikroorganismen außerhalb der Zellen gerichtet.
Wieviel Vitamin C soll man aufnehmen?
Die aktuellen Empfehlungen der Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) beziffern den Bedarf mit 110 Milligramm Vitamin C pro Tag für Männer; für Frauen sind es 95 Milligramm pro Tag; männliche Raucher sollten 155 Milligramm Vitamin C pro Tag aufnehmen, bei Frauen, die rauchen, sind es 135 Milligramm pro Tag. Zu den Lebensmitteln, die viel Vitamin C enthalten, gehören Kohl, Paprika, Petersilie, Zitrusfrüchte, Kartoffeln, Spinat und Tomaten.
Vitamin C und Atemwegsinfektionen
Ob oral aufgenommenes Vitamin C vor Erkältungserkrankungen schützt, hatte eine Arbeitsgruppe aus Chile anhand von acht randomisierten Studien mit 8.472 Personen untersucht. Es zeigte sich mit Evidenz, dass mehr als 80 Milligramm Vitamin C pro Tag gesunde Erwachsene und Kinder nicht vor Infekten schützte. Frühere Metaanalysen hatten allerdings ergeben, dass die Aufnahme von mindestens 200 Milligramm Vitamin C pro Tag das Risko einer Atemwegsinfektion verringern konnte.
Besonders heikel ist die Situation bei Athleten und Personen unter starker körperlicher Belastung. Zwar ist die Wirkung von Vitamin C auf oxidativen Stress, Entzündungsmarker, Muskelschäden und Immunantwort nach intensiver körperlicher Belastung immer noch unklar. Doch kürzlich hatte sich ein wissenschaftliches Positionspapier, ein Review und eine Metaanalyse damit befasst. Übereinstimmend wird die Supplementation von 250 Milligramm bis ein Gramm Vitamin C täglich empfohlen, um vor Atemwegssymptomen unter starker körperlicher Belastung und/oder bei einem erhöhten Infektionsrisiko zu schützen.
Kurz gefasst
- Gesunde Personen werden durch eine Vitamin C-Supplementation nicht vor Erkältungserkrankungen oder Lungenentzündung geschützt.
- Im Hinblick auf eine Infektion mit SARS CoV2 gibt es zur Zeit keine Belege, dass eine Vitamin C-Supplementation vor COVID-19 schützen oder die Behandlung erleichtern könnte.
- Bei Athleten und Personen mit Stoffwechselerkankungen oder älteren Menschen mit Frailty kann eine Vitamin C-Supplementation das Infektionsrisiko senken.
- Bei Erkrankungen, die eine systemische Entzündung hervorrufen, kontrolliert Vitamin C die Entzündung und senkt auch das Risiko für Infektionen.
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Der Heilpraktiker Dezember 2024

