Können Biofaktoren regulierend eingreifen?
Alles schmeckt gleich, Nuancen verschwimmen, selbst der Duft von Kaffee erscheint fad… Geruchs- und Geschmacksstörungen sind das Resultat von Entzündungen und Nervenschäden oder treten nach der Einnahme von bestimmten Arzneimitteln auf. Auch im Alter reduziert sich die Geschmackswahrnehmung. Dabei können Mangelernährung und niedrige Spiegel an Biofaktoren wie Vitaminen und Mineralstoffen eine Rolle spielen. Zumindest bei älteren Männern ist der Verlust des Geruchssinns und ein verschlechtertes Hörvermögen mit Gebrechlichkeit assoziiert…
Geruch und Geschmack sind eng miteinander verbunden. So erkennen die Geschmacksknospen auf der Zunge verschiedene Geschmacksrichtungen, während die Geruchsrezeptoren in der Nasenschleimhaut flüchtige Moleküle wahrnehmen. Beide Sinneseindrücke werden als Information an das Gehirn weitergeleitet und dort verknüpft. Dadurch können die Aromen erkannt und genau eingeordnet werden. Einfache Geschmackseindrücke wie salzig, bitter, süß oder sauer lassen sich auch ohne den Geruchssinn identifizieren.
Bei komplexeren Aromen wie beispielsweise der Himbeere sind jedoch beide Sinne nötig. Entwicklungsgeschichtlich ist der Geruchs- und Geschmackssinn ein alter Sinn. Entsprechend früh prägt er sich in der Embryonalentwicklung aus. Schon Babys im Mutterleib reagieren auf Bitteres im Fruchtwasser und verziehen das Gesicht.
Ab dem 50. Lebensjahr nimmt der Geruchs- und Geschmackssinn ab. Das liegt daran, dass die Nasenschleimhaut dünner wird und austrocknet, gleichzeitig sind auch die Geruchsnerven weniger sensibel. Die Anzahl der Geschmacksknospen nimmt ab und die verbliebenen Knospen sind nicht so empfindlich. So essen ältere Menschen gerne Süßes, weil sie den lieblichen Geschmack besser wahrnehmen als den sauren oder bitteren. Das ist der Grund, weshalb eine Geruchs- und Geschmacksstörung im Alter mit Übergewicht zusammenhängen kann.
Nährstoffmangel und Geschmacksstörungen
Mit zunehmendem Alter trocknet auch die Mundschleimhaut aus. Erkrankungen wie Morbus Sjögren, starkes Rauchen, Strahlentherapie an Hals und Kopf oder bestimmte Medikamente fördern das Austrocknen. Das können Antibiotika, Antiepileptika, Antidepressiva, Diuretika oder Rheuma- und Schilddrüsenmedikamente sein. In der Folge schmeckt das Essen nicht mehr, die Betroffenen nehmen weniger zu sich und können in eine Mangelernährung mit reduziertem Allgemeinzustand geraten. Nährstoffmangel wiederum, welcher u.a. auch bei Infektionen von Nasennebenhöhle und Mund, mangelnder Zahnhygiene und bei depressiven Erkrankungen typisch ist, kann den Geruchssinn verzerren und Geschmacksstörungen hervorrufen. Das gilt besonders, wenn die Spiegel von Zink, Kupfer, Nickel und den B-Vitaminen niedrig sind.
Ein Verlust der Geruchsrezeptoren wirkt sich bei älteren Menschen auf das Riechvermögen aus. Bemerkbar macht sich das bereits ab einem Alter von 60 Jahren, zehn Jahre später kann die Riechstörung schon erheblich sein. Eine solche Anosmie tritt typischerweise auch bei Influenza und Morbus Alzheimer auf. Und ein plötzlich auftretender Verlust des Geruchssinns kann ein frühes Symptom der COVID-19 Erkrankung sein.
Für das Alltagsleben hat es erhebliche Konsequenzen, wenn ältere Personen kaum noch riechen: Sie erkennen Brandgeruch in der Wohnung nicht, ebensowenig ausströmendes Gas oder verdorbene Lebensmittel.
Was kann man tun, um den lebenswichtigen Sinn zu unterstützen? Und welche Behandlungsoptionen gibt es?
Olfaktorisches Training
Hier wird der Geruchssinn regelmäßig mit vier verschiedenen Duftstoffen geschult. Besonders wirkungsvoll sind starke Gerüche, die verschiedene Klassen an olfaktorischen Rezeptoren ansprechen. So beispielsweise die Duftnoten Rose, Zitrone, Eukalyptus und Gewürznelke. Regelmäßig wird morgens und abends mit jedem Duft eine halbe Minute geübt. Wie effektiv das Riechtraining ist, kann nicht genau eingeschätzt werden. In den untersuchten Studien fehlte meist ein entscheidendes Merkmal (Kontrollgruppe oder doppelblinde Studienanordnung).
Auch die Tatsache, dass es bei Riechstörungen zu Spontanheilungen kommt, muss berücksichtigt werden. So heilen Riechstörungen aufgrund von Traumata bei bis zu einem Fünftel der Patienten spontan aus; bei einer Geruchsstörung nach Infektionen sogar in bis zu 60 Prozent. Ein Tipp zur Vorbeugung: Eine vielfältige und bunte Ernährung ohne Fertigprodukte stärkt das Riech- und Schmeckvermögen.

Geruchsstörung als neuer Biomarker?
Das Frailty-Syndrom ist durch eine stark verringerte körperliche Reserve und eine Empfänglichkeit gegenüber Krankheiten gekennzeichnet. Dass nicht nur der altersbedingte Hörverlust, sondern auch Geruchsstörungen auf eine allgemeine Gebrechlichkeit hinweisen, berichtet ein Team von amerikanischen Wissenschaftlern. Nachdem sie Populationsstudien ausgewertet hatten, stellten sie fest, dass der Verlust von Geruchssinn und Hörvermögen bei älteren Männern mit einer zunehmenden Gebrechlichkeit verbunden war.
„In Zukunft könnten Prüfungen des Geruchssinns und des Hörvermögens dabei helfen, Risikopersonen zu identifizieren und damit einen neuen Biomarker zu etablieren“.
Eine verfälschte Geschmackswahrnehmung wird bei rund 20 Prozent der Erwachsenen beobachtet, häufiger noch bei älteren Personen. Eine wichtige Rolle bei der Geschmackssensibilität spielt der Speichel. Er löst Substanzen nicht nur auf, sondern verteilt Geschmacksstoffe an die Orte der Geschmacksrezeptoren. Darüberhinaus stimulieren Speichelkomponenten wie Natrium kontinuierlich die Geschmacksknospen.
Das Umfeld in der Mundhöhle beeinflusst also die Fähigkeit, Salz zu schmecken, so das Fazit einer internationalen Forschergruppe. Die untersuchten Teilnehmer mit Mundtrockenheit nahmen den salzigen Geschmack weniger gut wahr, und zwar besonders diejenigen, die älter als 60 Jahre alt waren. Ob damit auch eine vermehrte Aufnahme von Kochsalz verbunden ist, die Gesundheitsrisiken für Herz und Kreislauf nach sich zieht, wird weiter untersucht.
Gute Mundhygiene und Zink
Zwei Zahnmediziner der Universität Paris nahmen 28 Studien unter die Lupe und fragten, wie wirksam verschiedenen Maßnahmen bei einer Geschmacksstörung waren. Eingesetzt wurde Zink in organischer oder anorganischer Bindung, dazu unter anderem Glutamin oral, Delta-9-tetrahydrocannabinol, Alpha-Liponsäure, Ginkgo biloba, künstlicher Speichel, Lokalanästhesie und eine verbesserte Mundhygiene.
Das Fazit: Eine verbesserte Mundhygiene unterstützt das allgemeine Geschmacksvermögen. Eine Supplementation mit dem Biofaktor Zink verhindert möglicherweise Geschmacksstörungen bei Patienten, die eine Strahlentherapie von Kopf- und Hals durchmachen. Geschmacksstörungen nach einer Tonsillektomie konnten einem Fallbericht zufolge durch eine zweimonatige Zinktherapie (in Form von Zinksulfat) gebessert werden.
Zink und Cannabis-Metabolite
Im Verlaufe einer Chemotherapie kann eine Dysgeusie auftreten, eine Störung des Geschmacksempfindens, welche die biopsychosoziale Sphäre des Patienten stark beeinflusst. Umso wichtiger ist es, die Geschmacksstörung zu erkennen und angemessen zu behandeln. Welche pharmakologischen Strategien es dabei gibt, untersuchte eine biomedizinische Arbeitsgruppe aus Italien in einer aktuellen systematischen Literaturrecherche. Die Ausbeute aus 12 Artikeln: Wirksam war die Supplementation mit Zink in einer täglichen Dosis zwischen 50 und 220 Milligramm, Lactoferrin dreimal täglich 250 Milligramm, Delta-9-tetrahydrocannabinol mit 2 Milligramm pro Tag sowie Cannabidiol in einer Dosierung von 150 Milligramm pro Tag.
Die Behandlung mit Zink sowie dem Hauptwirkstoff von Cannabis, Delta-9-tetrahydrocannabinol, erwies sich als besonders vielversprechend. Hier stieg die Geschmackswahrnehmungsschwelle und die Wahrnehmungsschwelle für Salziges an, zudem verbesserte und verstärkte sich die chemosensorische Wahrnehmung. Die Patienten gaben an, dass ihnen das Essen besser schmeckte und dass sie bereits vor dem Essen Appetit hatten. Und sie nahmen mehr Kalorien in Form von Protein auf.
Bei Geschmacksstörungen ohne erkennbare Ursache an Zink denken
Zink ist vermutlich das einzige gut untersuchte Arzneimittel zur Behandlung von Geschmacksstörungen mit unbekannter Ursache. Wie doppelblinde Studien zeigten, verbesserte Zink die Geschmacksstörungen signifikant, wenn täglich 140 Milligramm Zinkgluconat drei Monate lang verabreicht wurden. Damit wird die Zinktherapie als gute Option bei Geschmacksstörungen ohne erkennbare Ursache bewertet.
Allerdings gebe es keinen Zusammenhang zwischen dem Zinkspiegel in Serum und Speicheldrüse und zwischen Symptomen und Therapieantwort, beschrieben die Hals-Nasen-Ohren-Ärzte aus dem schweizerischen Genf. So hätten sich Patienten mit normalen Zinkspiegeln über Geschmacksstörungen beklagt, wohingegen Patienten mit Zinkmangel keine Beschwerden aufwiesen. Auch sei der Zinkstatus vor der Therapie kein zuverlässiger prognostischer Faktor für einen Therapieerfolg.
Bleibt die Frage, wie genau Zink bei Geschmacksstörungen wirkt. Eine Hypothese geht davon aus, dass Zink als wichtiger Kofaktor für Proteine der Speicheldrüse dient. Damit würde Zink das Wachstum und den Turnover der Geschmackszellen beeinflussen.
Doch auch die leicht antidepressiven Eigenschaften von Zink scheinen einen Einfluss auf die Geschmacksfunktion zu haben. Die antidepressive Wirkungsweise von Zink hängt vermutlich mit der Regulation des Neurotransmitterstoffwechsels zusammen, da es die Serotonin-Aufnahme im Gehirn beeinflusst.
Funktionierende Sinne als Zeichen gesunden Alterns
Altersbedingte Geschmacks- und Geruchsstörungen treten zu einem Lebenszeitpunkt auf, an dem die Versorgung mit Biofaktoren kritisch sein kann. Das betrifft vor allem Zink. So zeigte eine aktuelle retrospektive Beobachtungsstudie, dass ältere Personen, stationär versorgte Patienten und vor allem Männer ein Risiko für Zinkmangel haben. In der Studie wurden die Zinkspiegel von über 13.000 Personen aus einer japanischen Datenbank verglichen.
Dabei ist Zink entscheidend für die Immunfunktion im Alter. Denn die Regulation der Immunfunktion ändert sich ab einem Alter von 60 Jahren grundlegend, das wurde anhand des molekularen und mikrobiologischen Profils von Speichel, Blut und Urin bei 108 gesunden Amerikanern verfolgt. So kann es hilfreich sein, sich vielseitig zu ernähren und kritische Biofaktoren gegebenenfalls zu supplementieren. Denn Geruch und Geschmack werden im gustatorischen Kortex der Gehirnrinde wahrgenommen und sorgen für Wohlbefinden und Lebensfreude. Funktionieren die beiden Sinne, ist das ein Zeichen gesunden Alterns.
Der ganze Beitrag ist erschienen in CO.med April 2025

