Orale Supplemente für die Hautgesundheit: Pro und Kontra

Können Nährstoff-Supplemente für die Hautgesundheit empfohlen werden? Wie ist die Evidenz? Untersucht wurden Probiotika, die Vitamine A, C, D und E, Zink und Nicotinamid sowie die populären Kollagenhydrolysate. Eine Dermatologin und ein Biochemiker im Streitgespräch, das beim Kongresses der Europäischen Akademie für Dermatologie und Venerologie im September 2024 in Amsterdam stattfand

Von einem größeren Rahmen aus betrachtet kann das Altern als Modell für Krankheiten herangezogen werden, so die Einführung von Prof. Dr. Jo Lambert (Universität Gent). Zwölf Wegmarken des Alterns sind bekannt, darunter die Genominstabilität, eine unregulierte Nährstoffwahrnehmung, die Zellalterung, der Prozess des Inflamm-Agings, der Stammzell-Verlust sowie Veränderungen im Mikrobiom. Sollen also Supplemente angewandt werden, um Altern und (Haut-) Erkrankungen zu verhindern? 

Ja, es gibt Evidenz, betonte Dr. Apostolos Pappas (Rutgers Universität, New York) und Chief Scientific Officer bei Intercos (Mailand). Wenn essentielle Vitamine, Mineralstoffe oder Fettsäuren fehlen, würden sich Hautmanifestationen ausprägen. So bei den B-Vitaminen: Bei einem B2-Mangel bilden sich schmerzhafte, juckende Stellen, Vitamin B3-Mangel führt zu einer Dermatitis und bei einem generellen Mangel an B-Vitaminen schwindet die Haarfarbe. Gerade die Dermatitis als Vitamin-Mangelsymptom würde durch Supplementation gelindert. 

Stichwort Probiotika: Hier zeigte eine Metaanalyse bei Kindern mit Atopischer Dermatitis, dass die Probiotika in 13 Studien hilfreich waren. Insgesamt fielen jedoch uneinheitliche Ergebnisse auf: In der geographischen Subgruppenanalyse wurde eine signifikante Verringerung des SCORAD-Indexes in Asien festgestellt, jedoch nicht in Europa. Und in der stammspezifischen Subgruppenanalyse verringerte sich der Index unter Streptococcus salivarius, Lactobacillus fermentum und einer probiotischen Mixtur, nicht aber unter L. plantarum und L. rhamnosus GG.    

Nährstoffe für die Haut 

Auf dem Hautpflegemarkt ist topisches Retinol der wichtigste und in den USA der umsatzstärkste Nährstoff, so Pappas. Physiologische Vorläufer sind die Carotinoide aus pflanzlichen Nahrungsmitteln, die nach der Umwandlung in Vitamin A die Entwicklung von Zellen und Gewebe fördern. Eine derartige Präkursor-Funktion ist auch für Vitamin E bekannt. Die Sekretion aus der Talgdrüse ist die wichtigste physiologische Route, mit der aufgenommene Tocopherole in die Haut gelangen. Dort schützt Vitamin E das Bindegewebe und Kollagen und hemmt im Gegenzug die Kollagenasen.

Bei der Kollagensynthese wiederum ist Vitamin C als Kofaktor nötig. Wird Ascorbinsäure von außen zugeführt, dringe sie allerdings wenig ins Stratum corneum ein, so Pappas. Vitamin D schließlich wird in der Haut aus 7-Dehydro-Cholesterin unter Einwirkung von UV-B Strahlung gebildet. Zur Versorgung empfiehlt die American Academy of Dermatology gesunden Erwachsenen, adäquate Mengen des Vitamins aus der Nahrung oder aus angereicherten Lebensmitteln aufzunehmen. 

Ein Mangel an Vitamin D und auch von B12 spielt bei der Psoriasis eine Rolle. Die systemische Erkrankung mit Hautbeteiligung hänge nachgewiesenermaßen auch mit dem metabolischen Syndrom sowie mit dem Darmmikrobiom zusammen. Moduliere man dieses mit Pro- und Prebiotika, könnten Hauteruptionen verringert werden. Wie eine Metaanalyse aus 55 Studien mit 4 534 Patienten zeigt, ist die Evidenz für eine diätetische Gewichtsreduktion bei übergewichtigen und adipösen Patienten mit Psoriasis am stärksten. Das bedeute, so Pappas, dass die Therapie der Psoriasis und der Psoriasis-Arthritis durch Ernährungsintervention und Supplemente unterstützt werden kann, um die Schwere der Hauterscheinungen zu verringern. 

Populäre Kollagenhydrolysate

Beauty care von innen mit Vitaminen und Spurenelementen gibt es seit dem Jahr 1964, sagte Pappas. Für Nährstoffsupplemente spreche, dass zwei von drei Dermatologen diese additiv oder alternativ empfehlen würden. Supplemente würden zu sichtbaren, positiven Ergebnissen für die Patienten führen und hätten wenig Nebenwirkungen. Dagegen spreche: Es gibt keine Recommended Daily Allowances (RDA) und keine Dosierungsempfehlungen, auch ist die Behandlung mit Kosten verbunden. 

In Bezug auf die populären oralen Kollagenhydrolysate ist die Evidenz uneinheitlich. Wie ein systematisches Review aus 19 Studien mit 1 125 Personen zeigte, sind die enzymatisch gewonnenen Spaltprodukte nützlich für die Hydratation, Elastizität und die Erscheinung von Falten. Eine Subgruppenanalyse bestätigte diesen Befund. Sichtbar waren die Effekte nach 90 Tagen, unerwünschte Wirkungen traten nicht auf. Auch in einem aktuellen Review mit 26 randomisierten, kontrollierten Studien und 1 721 Patienten konnten Kollagenhydrolysate die Hydratation und Elastizität der Haut verbessern, vor allem in der Langzeitanwendung.

Auf die Ergebnisse einer randomisierten, kontrollierten Studie aus Brasilien angesprochen, in der keine Unterschiede zwischen Kollagenpeptiden und Placebo gefunden wurde, entgegnete Pappas: „Kollagen wird verdaut, doch möglicherweise können die Kollagenpeptide als Matritzen dafür dienen, eigenes Kollagen aufzubauen“.

Zink und Nicotinamid

Die Acrodermatitis enteropathica ist eine Zinkmangelerkrankung, die sich durch Substitution von Zink schnell verbessert. Eine signifikante Rolle spielt Zink auch bei der Akne und der durch Malassezia verursachten Dermatitis. Auch bei der Hidradenitis suppurativa wurde Zink (90 Milligramm Zinkgluconat pro Tag) untersucht. Das ging in die Europäischen Hidradenitis suppurativa-Guidelines von 2016 ein.

Mit der Supplementation von Nicotinamid verringerte sich nach 12 Monaten signifikant die Anzahl der aktinischen Keratosen und auch die Rate von neu aufgetretenem, nicht-melanozytärem Hautkrebs (NMSC) im Vergleich zu Placebo. Deshalb würde Nicotinamid zur Chemoprävention der aktinischen Keratose und des NMSC mit dem Evidenzlevel IB bedacht, so Pappas. Nicotinamid unterstützt die Reparatur UV-induzierter Schäden an der DNA und verringert die strahlungsbedingte Immunsuppression.

Ob Nährstoffsupplemente bei Haarverlust wirken, wurde in einem systematischen Review mit 30 Artikeln unter die Lupe genommen. Evaluiert wurden alle Interventionen, die die Ernährung und Supplementation bei Personen mit Haarausfall und einem bekanntem Nährstoffdefizit betrafen. Von den ernährungsbasierten Studien erreichte keine die Einschlusskriterien.

Dagegen erwiesen sich bestimmte Supplement-Kombinationen als möglicherweise nützlich. Dazu gehörten Viviscal, Nourkin, Nutrafol, Lambdapil, Pantovigar, ferner auch Capsaicin und Isoflavon, Omega-3 und Omega-6 Fettsäuren mit Antioxidantien, Apfel als Neutraceutical, Gesamtglycoside aus Paeonie und Glycyrrhizin, Zink, Tocotrienol sowie Kürbiskernöl.    

‚Lass‘ die Nahrung deine Medizin sein…‘

Eine Behandlung ausschließlich mit Supplementen sei nicht immer erfolgreich, so das Fazit des Biochemikers. Die Patienten sollten vielmehr ermutigt werden, einen gesünderen Lebensstil zu pflegen. Wissenschaftler sollten mehr randomisierte, kontrollierte Studien mit Nahrungsergänzungsmitteln durchführen und gegen eine aktive Vergleichsgruppe prüfen. Supplemente seien jedoch geeignet, um die Bedürfnisse der Haut zu unterstützen. Das gelte besonders für die Vitamine A, C, D und E, für Probiotika und Kollagen, für Zink und Nicotinamid. Und auch für Lycopin, Carotinoide, Anthocyane und Polyphenole – immer in Anlehnung an die Empfehlung von Hippokrates.

Den 2. Teil des Streitgesprächs, diesmal mit der Dermatologin Dr. med. Charlotte Näslund Koch (Universität Kopenhagen) lesen Sie in Kürze.

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