Reisedermatologie

Pflanzliche Inhaltsstoffe mit bioaktiver Wirkung lassen aufhorchen 

Von Tieren übertragene Dermatophytosen haben ihren Ursprung in den Endemiegebieten rund um das Mittelmeer. Aus tropischen Destinationen werden Parasiten mitgebracht, häufig Leishmania major oder Sarcoptes scabiei. Gleichzeitig nehmen die Resistenzen gegenüber Antimykotika und Akariziden zu. Daher sollten neue Strategien zur Behandlung der Hautmanifestationen gefunden werden, so die World Health Organization (WHO)… 

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Weltweit nimmt die Inzidenz von Hautinfektionen zu und in gleichem Maße treten Antibiotikaresistenzen auf, so dass die WHO betont, wie wichtig die Forschung und Entwicklung neuartiger antimikrobieller Wirkstoffe ist. Das beziehe auch alternative Therapien ein. Damit könnte das Aktivitätsspektrum erhöht, die Dosis verringert und die Sicherheit der Behandlung verbessert werden. Als vielversprechend in der aktuellen Literatur erscheinen Medizinalpflanzen mit ihren bioaktiven Inhaltsstoffen.

Ein Silberstreif am Horizont

Bereits ein lockerer Kontakt zu streunenden Katzen reicht aus, um sich mit   Microsporum canis zu infizieren. Schätzungsweise 90 Prozent der Straßen-Katzen in den Großstädten Spaniens, Italiens und Griechenlands sind mit dem hoch kontagiösen Dermatophyten infiziert. Klinisch zeigt sich eine Mikrosporie, welche durch runde entzündliche Plaques mit Randbetonung auffällt. 

Nanopartikel aus Silber wirken antimikrobiell auf pathogene Bakterien, Hefen und Fadenpilze. Das Prinzip: Durch kontrollierte Abgabe der Silberionen aus den Kleinstpartikeln wird die DNA-Replikation und die Zellatmung der Mikroorganismen gestört. Traditionell wird das Metall in der ayurvedischen Medizin eingesetzt, um Hautinfektionen und Wunden zu heilen.

Aus der Ethnomedizin wiederum kommen Medizinpflanzen mit ihren bioaktiven und therapeutisch wirksamen Inhaltsstoffen. So auch die Paraguay-Kletterwurz (Acanthospermum australe) welche traditionell von den indigenen Völkern Südamerikas verwendet wird, um Erkrankungen und Hautinfektionen zu behandeln. Aus den Blättern des einjährigen Asterngewächses wird ein ätherisches Öl gewonnen.

Wie diese Kombination gegen die Erreger von Hautinfektionen wirkt, war Thema einer Studie. Das Kletterwurz-Öl mit den Hauptbestandteilen Germacren A, γ-Cadinen und Trans-Caryophyllen war gegen Dermatophyten und Malassezia globosa aktiv. Die Silbernanopartikel für sich wirkten gegen Bakterien, Hefen und Dermatophyten. Die Kombination schließlich war gegen Dermatophyten, Malassezia globosa, Microsporum gypsea und Microsporum canis aktiv, und in bakterienhemmender Konzentration nicht toxisch auf periphere mononukleäre Zellen.

Damit könnte Acanthospermum-Öl, kombiniert mit biogenen Nanopartikeln, eine innovative Strategie zur Behandlung von Hautinfektionen sein. Wichtig sei, die Wechselwirkungen zwischen metallischen Nanopartikeln und natürlichen Substanzen weiter zu studieren, um pflanzenbasierte Formulierungen mit einem alternativen therapeutischen Potential zu gewinnen, so die Forschenden der Universidad Nacional del Nordeste in Resistencia, Argentinien.

Bienengift gegen den Katzenpilz

Apisin wirkt nicht nur komplexierend auf die Zellmembran, was seine Giftwirkung ausmacht, sondern auch antimikrobiell. Es wurde bereits gegen Trichophyton Species getestet. In einer aktuellen Studie sollte das antifungische Potential von Apisin im Vergleich zu verschiedenen Antimykotika (Fluoconazol, Itraconazol, Amphotericin B, Terbinafin) ermittelt werden. Es zeigte sich, dass alle Isolate von M. canis  (Hautgeschabsel von infizierten Katzen) empfindlich gegenüber Terbinafin und resistent gegenüber Fluconazol und Amphotericin B waren. Für Itraconazol lag die minimale Hemmkonzentration und die minimale fungizide Konzentration bei dem M. canis-Isolat MC2 bei 8 µg/ml Itraconazol. Die entsprechenden Werte für Bienengift lagen bei 320 µg/ml (Mc2 Isolat) und 640 µg/ml (Mc6- Isolat).

Die Resistenzen zeigten, so die Parasitologen und Biotechnologen der Universität Adana in der Türkei, dass Antimykotika über die Zeit unwirksam werden. Daher sollten natürliche Stoffe wie Bienengift als Alternativen evaluiert werden.

Kutane Leishmaniose

Leishmania major oder L. tropica sind Reise-Mitbringsel aus dem Mittelmeerraum, der Sahara oder dem Vorderen Orient. Der einzellige Parasit wird über den Stich der Sandmücke übertragen, wobei infizierte Stadt-Hunde, Schafe und andere Wirbeltiere als Reservoirwirte dienen. An der Einstichstelle bilden sich juckende Knoten, aus denen sich krustig-entzündliche Hautläsion entwickeln, die häufig superinfiziert sind. Nach Monaten kommt es zu einer spontanen Vernarbung, die mit Atrophie und Hyperpigmentierung einhergeht. Zur Prävention sind imprägnierte Moskitonetze über dem Bett hilfreich, auch abendliches Duschen, welches die Pheromon-Lockstoffe im Schweiß reduziert; tagsüber empfiehlt sich lange Kleidung. 

Wie weit ist die Forschung bei natürlichen Behandlungsoptionen?

In der Volksmedizin Südasiens wird Aprikosenkernöl zur Behandlung von Hautinfektionen genutzt. Das zu den Rosen gehörende Steinobstgewächs enthält aber auch Substanzen, die antiparasitisch wirksam sind (Tannine, Flavonoide, Phenole und Alkaloide).

Wie Forschende aus Pakistan berichten, hemmte das Kernöl der bitteren Aprikose (Prunus armeniaca) nicht nur einige Bakterien und Pilze, sondern war auch gegen die Promastigoten von Leishmania major aktiv. Das sind die beweglichen Formen des Protozoons, die in der Sandmücke leben. So zeigte sich in einem Test auf Lebensfähigkeit von Zellen (MTT-Assay) für das bittere Aprikosenkernöl eine mittlere inhibitorische Konzentration (IC50) von 89,75 ug/ml.

Diskutiert wird auch die lokale Anwendung von natürlichen Endoperoxiden wie beispielsweise Artemisin. Der Bitterstoff aus den Blüten von Artemisia cina besitzt Antimalaria-Eigenschaften, denn er setzt Sauerstoffradikale frei, welche die Mitochondrien des Parasiten schädigt. Die Achillesferse bei Leishmania wäre die schwache antioxidative Abwehr, es fehlen Katalase und Glutathionperoxidase, so dass eine oxidative Imbalance entstehen würde.

Antioxidantien bei Skabies  

Die Krätzmilbe Sarcoptes scabiei var. hominis verursacht Skabies, eine ansteckende Hauterkrankung, die in vielen Ländern des globalen Südens endemisch ist. In Europa verbreitet sie sich als Folge von Migration und Flucht oder wird auf Reisen erworben, dann meist als sexuell übertragbare Infektion.

Für eine Infektion ist ein enger Kontakt über mehrere Minuten erforderlich, wobei ein hoher Milbenbefall eine Infektion wahrscheinlicher macht. Danach legen die weiblichen Milben ihre Eier in der Epidermis ab, nach 2 bis 3 Tagen schlüpfen die Larven. Diese entwickeln sich in Hautvertiefungen oder Haarfollikeln zu Nymphen, nach etwa 2 bis 3 Wochen zu geschlechtsreifen Milben. Das ist mit stark juckenden, länglichen Papeln in Fingerzwischenräumen, Ellenbogen und am seitlichen Rumpf verbunden.

Über die Immunantwort und die Entzündungsprozessen durch S. scabiei wird viel geforscht, allerdings gibt es wenige Studien, die eine Skabies-Infestation direkt mit der Entstehung von oxidativem Stress verbinden. Doch soviel ist klar: Freie Radikale regen die übermäßige Bildung von Lipidperoxiden an und reduzieren die antioxidative Kapazität. Das schädigt die Haut und verändert die Durchlässigkeit der Membranen. Membranständige Enzyme und Rezeptoren werden inaktiviert, Polysaccharide depolymerisiert und Proteine quervernetzt bzw. fragmentiert.

Antioxidativ wirksame Medizinpflanzen können freie Radikale neutralisieren und die Aktivität antioxidativer Enzyme erhöhen. Sie beschleunigen die Heilung der Haut, verringern Entzündung und Juckreiz und haben eine antibakterielle Wirksamkeit.

In einem aktuellen Übersichtsartikel werden Pflanzen mit einer Anti-Skabies-Aktivität beschrieben, die aus 39 verschiedenen Familien und 62 Genera stammen. 

Die wichtigsten sind:

  • Niembaum, Neem (Azadirachta indica) enthält Flavonole, Tannine und Hydroxybenzoesäure, die wirksam gegen Skabies sind; Neem ist effektiv bei längerem Gebrauch und wird als 5%-ige Creme aus Neem-Öl angewandt
  • Teebaum (melaleuca alternifolia) enthält Terpinen-4-ol, welches die Zellmembran der Milben schädigt und diese schnell immobilisiert; typisch aufgebracht wird eine 5%-ige Lösung aus ätherischem Teebaum-Öl
  • Curcuma (Curcuma longa) wirkt antiinflammatorisch und antiparasitisch und hemmt das Wachstum und die Reproduktion der Milben
  • Rosmarin (Rosmarinus officinalis) enthält Kampher und 1,8 Cineol; beide zeigen  eine starke Anti-Milben-Aktivität und verringern deutlich die Überlebensrate auf behandelten Arealen; aufgetragen wird das ätherische Öl
  • Wasserdost (Eupatoria adenophorum) mit dem Inhaltsstoff Euptox A besitzt akarizide Eigenschaften und reduziert das Überleben der Milben; aufgebracht wird der gereinigte Extrakt
  • Pfeffer (capsicum annuum) enthält Capsaicin, welches den Juckreiz reduziert und Hautirritationen beruhigt; verwendet wird eine Creme oder Salbe mit Capsaicin.

Darüber hinaus wurde beschrieben, dass D-Limonen aus Zitronenöl in einer Konzentration von 10- 20% die Milben innerhalb von 24 Stunden zerstört, und zwar durch Wirkung auf das Atemsystem; 1%-iges Gewürznelken-Öl (Syzygium aromaticum) tötet Milben sogar innerhalb von 20 Minuten. Als Elektronendonatoren fungieren dagegen die flavonoidartigen und phenolischen Komponenten im Zahnbürstenbaum (Salvadora persica). Sie sind hochwirksame Antioxidanten, vergleichbar mit der Ascorbinsäure, und haben ein signifikantes Anti-Skabies-Potential. 

Fazit

Auch wenn es bewährte Arzneimittel zur Behandlung von Microsporum canis gibt, erfordert die zunehmende Resistenz gegenüber Antimykotika die Entwicklung neuer, natürlicher Agenzien. Diese Lücke könnte die Kombination aus Kletterwurz-Öl plus Silber-Nanopartikel füllen, aber auch Bienengift oder ein Extrakt aus Gelbwurz. Bei der kutanen Leishmaniose könnte die antiparasitische Wirkung von bitterem Aprikosenöl und Aprikosenblätterextrakt eine Rolle spielen. 

Medizinalpflanzen mit antioxidativem Potential könnten eine Alternative bei der Behandlung von Skabies sein, denn sie mildern den oxidativen Stress. Insgesamt wären die bioaktiven Inhaltsstoffe bestimmter Pflanzen ein ganzheitlicher Therapie-Ansatz. Bis dieser in der klinischen Praxis eingesetzt werden könnte, muss die Zusammensetzung der Pflanzen untersucht, die Standardisierung der Extrakte überprüft und eine umfangreiche klinische Testung durchgeführt werden.

Da die Resistenzen gegenüber konventionellen Skabiziden zunehmen, wird die Erforschung alternativer Behandlungen immer wichtiger. So könnten in Zukunft auf Reisen erworbene Dermatophytosen und Infestationen natürlich behandelt werden, ohne die Umwelt zu belasten und Resistenzen zu fördern, und das ganz im Sinne der WHO.     

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