Natürlicher Schutz mit arzneistofffreien Substanzen
Drinnen warme Heizungsluft, draußen klirrende Kälte – dieser Wechsel belastet empfindliche Haut, die bei einer Barrierestörung zusätzlich noch an einem epidermalen Wasserverlust leidet. Geschützt wird sensible Haut durch Emollienzien mit natürlichen Wirkstoffen.
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Die Epidermis fungiert als Barriere, welche äußere Einflüsse auf die Haut mildert und im Gegenzug den Austritt von Wasser verringert. Das Prinzip dahinter: die Interzellularspalten des Stratum corneums sind mit hauteigenen Lipiden ausgefüllt und durch Tight Junctions zwischen den Keratinozyten verschlossen.
Ist diese essentielle Funktion gestört, kommt es zu Dermatosen, typischerweise zu einer atopischen Dermatitis (AD). Ursächlich ist eine Filaggrin-Mutation oder eine Genvariation im epidermalen Differenzierungskomplex, auch eine veränderte Expression der Proteasen und Proteaseinhibitoren oder Defekte in den Tight-Junctions, sowie veränderte Cholesterin-, Ceramid- oder Fettsäure-Moleküle. Klinisch dominiert eine trockene Haut, die das Eindringen von Allergenen in die Oberhaut begünstigt.
Typisch sind wiederkehrende Schübe, oft im Winter, wenn der Wechsel aus Kälte und Heizungsluft die Haut reizt und austrocknet. Unabhängig von einer etwaigen Dermatose weisen ältere Menschen und Kinder eine besonders empfindliche Haut auf.

Was die Kinderhaut besonders macht
Um die typischen Hautmerkmale bei Kindern und erwachsenen Frauen in jahreszeitlicher Abhängigkeit zu vergleichen, führten japanische Dermatologen Messungen an der Haut durch und ermittelten die Hautbeschaffenheit. An den Untersuchungen im Sommer (24-30°C und 75- 85% relative Luftfeuchtigkeit) nahmen Kleinkinder und Kinder im Alter von einem Monat bis 6 Jahre und 4 Monate teil (37 Jungen, 48 Mädchen) sowie 15 gesunde Frauen zwischen 20 und 30 Jahren. Im Winter (5-15°C und 40-50% relative Luftfeuchtigkeit) waren es Kinder im Alter von 2 Monaten bis 6 Jahre und 7 Monate (34 Jungen, 45 Mädchen) sowie ebenfalls 15 gesunde Frauen zwischen 20 und 30 Jahren. Ausgeschlossen waren Kinder mit allergischen Hautsymptomen, wobei 11 Kinder eine atopische Dermatitis in ihrer Krankengeschichte hatten.
Verglichen mit den jungen Frauen wiesen die Kinder einen niedrigeren Wassergehalt im Stratum corneum auf, der im Sommer in Gesichtsnähe etwas ausgeprägter war. Der transepidermale Wasserverlust am Körper war bei den Kindern das ganze Jahr über höher, bis auf Bereiche an Stirn und Wangen. Bei Kindern ab einem Jahr wurde überall am Körper eine minimale Sebumsekretion beobachtet. Der pH-Wert der Hautoberfläche war bei den Kindern am ganzen Körper niedriger, und im Winter leicht erhöht. Wie der Fragebogen ergab, traten die Hautprobleme hauptsächlich am vorderen Hals und an den Ellenbeugen auf, dort, wo der transepidermale Wasserverlust bemerkenswert hoch war.
Das deute darauf hin, so die Wissenschaftler, dass die Barrierefunktion der Haut bei Kleinkindern und Kindern weniger entwickelt ist als bei jungen Frauen. Die physiologischen Charakteristika der Haut variierten demnach in Abhängigkeit von Alter, anatomischen Stellen und der Jahreszeit. Entsprechend sollten die Hautpflegeleitlinien angepasst werden, schrieben die Wissenschaftler der Dermatologischen Klinik in Sendai Taihaku und der Graduate School of Medicine der Tohoku Universität in Sendai, Japan.
Hautpflege ganzjährig
Die daraus abgeleitete Empfehlung: Weil sich die atopische Dermatitis in trockener Umgebung verschlechtert, sollte in dieser Situation ein Moisturizer eingesetzt werden. Praktischerweise sollte die Kinderhaut zu jeder Jahreszeit mit Moisturizern gepflegt werden, auch wenn sie nicht trocken erscheint. Dabei zweimal täglich sorgfältig auftragen, ohne Reiben, besonders auf bewegungsintensiven Stellen. Die Eltern darüber informieren, dass das Kindergesicht einen geringeren Wassergehalt im Stratum corneum aufweist als das von Erwachsenen und schneller austrocknet.
Was die Hautreinigung betrifft, ist Wasser den Seifen oder Detergenzien nicht unterlegen, das zeigte sich bei Kindern mit atopischer Dermatitis in Remission im Herbst und Winter. Und im Sommer? Auch hier, während der Erhaltungsphase der AD, war das Waschen mit Wasser einer Reinigung ebenfalls nicht unterlegen, und zwar unabhängig vom Typ des Reinigungsmittels.
Die Leitlinien-Empfehlungen
Die Basistherapie der gestörten Hautbarrierefunktion sollte mit individuell angepassten Externa erfolgen, so die deutsche Leitlinie atopische Dermatitis. Im Sommer sollten die Cremes hydrophiler sein und im Winter einen höheren Fettgehalt aufweisen. Je nach Präferenz der Patientinnen und Patienten und Lokalisation der betroffenen Areale können Pasten für Körperfalten eingesetzt werden, im Gesicht dagegen nicht zu fettende Cremes.
Emollienzien glätten die Haut und halten sie feucht. Es sind wirkstofffreie Vehikel, die entsprechend als Kosmetika oder Medizinprodukte zugelassen sind. Das Hauptprinzip dieser topischen Basistherapie der gestörten Hautbarrierefunktion besteht darin, der oberen Epidermis dauerhaft Lipide zuzuführen, um die Hautbarriere wiederherzustellen. Emollienzien enthalten oft niedermolekulare Inhaltsstoffe wie Harnstoff oder Glycerin, die die Hydratation des Stratum corneum fördern.
Zusätzlich auch Substanzen, die den Wasserverlust verringern; das können Vaseline, Sheabutter oder Avocadoöl sein. Gemäß Klassifikation der Dermatologen des Siriraj Hospitals der Mahidol-Universität, Thailand, kann man feuchtigkeitsspendende Moisturizer unterscheiden (Tabelle 1). Antiinflammatorisch wirksame Zusätze aus dem Pflanzenreich sind Kamille, Aloe vera, Kokosnussöl, Sheabutter, Traubenkernextrakt oder Ceramid.
Tabelle 1 Klassifizierung der Moisturizer
| Klasse | Wirkmechanismus | Ähnlichkeit zu normalen Hautkomponenten | Beispiele |
| Humectants | ziehen Wasser aus der unteren Epidermis zum Stratum corneum | ähnlich wie die Natural Moisturizing Factors in den Korneozyten | Harnstoff, Hyaluronsäure, Glycerin, Propylenglykol |
| Occlusiva | bilden einen hydrophoben Film, der den Wasser-verlust verringert | ähnlich den interzellulären Lipidbilayern mit Ceramiden, Cholesterin, Fettsäuren | Wachse, Lanolin, Mineralöle, Silicon |
| Emollienzien | machen die Haut geschmeidig, füllen die Lücken zwischen den schuppenden Korneozyten | ähnlich den natürlichen Lipiden im Sebum | Linol- und Linolensäure, Ölsäure, Stearinsäure, |
Bei einer leichten Hautentzündung kann es ausreichen, wenn hydrophile Emollienzien zweimal täglich aufgetragen werden und die Haut mit Feuchtigkeit versorgen. Sind die Läsionen chronisch, sollten lipophile Grundstoffe zur Stärkung der Barriere eingesetzt werden. Zum Beispiel Ceramide, Fettsäuren, Squalen oder Kollagen, welche die Lücken zwischen den Keratinozyten auffüllen und damit den Wasserverlust verringern.
In jedem Fall spielt die Menge, die aufgetragen wird, eine entscheidende Rolle. Orientierung bietet die Finger-Tip-Unit-Regel: Eine Finger-Tip-Unit umfasst zirka 0,5 Gramm und reicht bei Erwachsenen für die Anwendung auf zwei Handflächen aus.
Emollienzien Plus
„Emollienzien plus“ sind topische Zubereitungen mit Vehikel-Substanzen plus Wirkstoffzusätze, die keine Arzneistoffe sind. Das können Flavonoide (wie Licochalcon A) oder Saponine sein, auch Riboflavine aus proteinfreien Junghaferextrakten oder bakterielle Lysate von Aquaphilus dolomiae oder Vitreoscilla filiformis.
Hauptziel der Langzeittherapie bei der atopischen Dermatitis ist es, einen entzündlichen Schub zu verhindern. Im Hinblick darauf wurde ein Wasser-in-Öl Emollient mit den Inhaltsstoffen Licochalcon A (<1%), Omega-6-Fettsäuren (aus Nachtkerzen- und Traubenkernöl), Ceramid 3 und Glycerin (10%) untersucht. Das Flavonoid Licochalon A stammt aus der Süßholz-Wurzel (Glycyrrhiza inflata) und wirkt entzündungshemmend; Ceramid 3 ist ein Sphingolipid im Stratum corneum, das die Hautbarriere stärkt.
An der 12-wöchigen Studie nahmen 26 Erwachsenen mit milder bis moderater atopischer Dermatitis teil, deren entzündliche Läsionen zuvor mit topischen Steroiden behandelt worden waren. Die Studie wurde doppelblind, randomisiert und Vehikel-kontrolliert durchgeführt, mit einem links-rechts-Vergleich beider Unterarme in Bezug auf die Anzahl der Rückfälle, definiert als Wiederauftreten eines Erythems an mindestens drei aufeinander folgenden Tagen.
Verglichen mit dem wirkstofffreien Vehikel reduzierte die aktive Formulierung signifikant die Anzahl der Rückfälle, so die Dermatologen der Universität Lübeck, außerdem blieb die Homöostase der Hautbarriere des betreffenden Unterarms erhalten. Zudem zeigten sich signifikante Unterschiede der SCORAD-Scores und der Schwere des Juckreizes im Vergleich zum Vehikel. Das Aufflammen der atopischen Dermatitis konnte allein durch den Einsatz eines Emollient verhindert werden.

Bakterienlysat als Wirkstoff
Ebenso wie die Psoriasis und die senile Xerose ist die atopische Dermatitis eine chronische, wiederkehrende Hauterkrankung mit Lichenifizierung, Pruritus und entzündlichen Läsionen sowie einer stark beeinträchtigten Lebensqualität. Im Hinblick darauf sowie auf Schmerzlinderung und Symptomverbesserung bei mild bis moderater atopischer Dermatitis oder Hauterkrankungen, die mit Trockenheit oder schwerer Xerose verbunden sind, sollte die Wirksamkeit eines Emollient Plus evaluiert werden.
Der Balsam (Lipikar Baume AP+M) enthielt barrierestärkendes Niacinamid, rückfettende Sheabutter und ein Lysat aus den nicht pathogenen Bakterien Vitreoscilla filiformis, die aus der Thermalwasserquelle aus La Roche Posay stammten. An der zweimonatigen Beobachtungsstudie nahmen 1.399 Erwachsene teil, deren Haut in zwei dermatologischen Visiten klinisch eingeschätzt wurde. In 10 Fragen wurde die Wirksamkeit, Sicherheit, Zufriedenheit und Verträglichkeit evaluiert, jeweils von Ärzten und Patienten, und der Dermatology Life Quality Index bestimmt.
Bei mehr als 90 Prozent der Patienten wurde eine signifikante Verbesserung (p<0.001) um mindestens einen Grad beobachtet, basierend auf der Patienteneinschätzung (Intensität, Hauttrockenheit, Oberfläche, die von entzündlichen Läsionen betroffen ist, Pruritus, Schlafqualität, Unbehagen am Tag, Trockenheit und Schuppung). Nach zwei Monaten hatte sich die Lebensqualität um 82,6 Prozent verbessert.
Wie die Dermatologen aus Athen, Patras und Thessaloniki schrieben, verringerten sich die Symptome einer mild bis moderaten Hauttrockenheit mit der Emollient Plus Formulierung nach zwei Monaten signifikant, entweder alleine oder als Zusatztherapie.
Aquaphilus dolomiae
A. dolomiae ist ein Bakterium, das im Thermalwasser aus Avène vorkommt. Wie effektiv ein Emollient mit einem Extrakt von Aquaphilus dolomiae bei Xerose und Pruritus ist, wurde in einer 7-tägigen Real-World-Studie gezeigt. Bei den 5.910 Patienten jeden Alters verringerte die zweimal tägliche Anwendung die Schwere von Xerose und Pruritus (SCORAD-Index) um 56 bzw. 60 Prozent, unabhängig von der zugrundeliegenden Erkrankung (p < 0,0001). Reduziert hatte sich auch die Schlafstörung und der Dermatology Life Quality Index (58% bzw. 60%; p < 0,0001).
Das Emollient als Creme oder Balsam war sowohl alleine als auch in Kombination mit einer topischen oder systemischen Therapie wirksam und wurde gut vertragen, so die Dermatologen vom Universitätshospital Arhus, Dänemark und dem Unternehmen Avène, Frankreich.
Fazit: Was über den Winter hilft
Im Winter steht der Schutz der sensiblen Haut vor Kälte und Austrocknung im Vordergrund – bei Kindern, Erwachsenen mit sensibler Haut und bei älteren Menschen. Geschützt werden die Stellen, die der Kälte ausgesetzt sind; bei zu Atopie neigender Haut zusätzlich auch die Stellen, an denen die Atopie bevorzugt auftritt. In der kalten Jahreszeit sollte die Formulierung etwas reichhaltiger sein, wodurch die hauteigenen interzellulären Lipid-Bilayer imitiert werden.
Die topische Basistherapie mit Moisturizern stärkt die Hautbarriere, verringert den transdermalen Wasserverlust und schützt vor einem Wiederaufflammen der Atopie. Bausteine, die der atopischen Haut fehlen, werden zugeführt, halten sie geschmeidig und lindern den Juckreiz, so beispielsweise Ceramide, Filaggrin oder Linol- und Linolensäure.
Wie Studien zeigten, können Emollienzien mit Wirkstoffen aus Süßholz oder Bakterienlysaten atopische Rückfälle verhindern, den SCORAD-Index verbessern und die Lebensqualität verbessern.
Bei Kindern unter 2 Jahren sollten nur Zubereitungen verwendet werden, die keine eiweißhaltigen Allergene oder Haptene wie Lanolin enthalten, damit sich keine IgE-vermittelte Sensibilisierung oder Kontaktallergie ausprägen kann.
Schließlich: Legt man den Fokus von Geburt an auf die Reparatur der Hautbarriere und auf das Angleichen des Hautmikrobioms, wird nicht nur das Risiko für eine atopische Dermatitis verringert, sondern auch der Verlauf des allergischen Marschs beeinflusst.
Dr. rer. nat. Christine Reinecke, Diplom-Biologin
Der Beitrag ist zu lesen in der aktuellen Ausgabe DER PRIVATARZT DERMATOLOGIE 12/2025 und in
DER PRIVATARZT digital:
https://www.der-privatarzt.de/artikel/fokus-naturmedizin-die-empfindliche-haut-im-winter-pad-04-25

