Die wichtigste Kulturpflanze Ostasiens ist Soja. Glycine max, so ihr botanischer Name, enthält besonders viel Eiweiß. Auch wenn es rein pflanzlich ist, besitzt Sojaprotein eine hohe biologische Wertigkeit. Und zwar 86% im Vergleich zu einem Hühnerei…
Bereits um 7000 vor Christus nutzten die Menschen in Nordchina die Samen der Wildform (Glycine soja). Große Zuchtbohnen wurden in Japan um 3000 v. Chr. angebaut, in Korea und China mehr als ein Jahrtausend später. Die sojabasierte Ernährung Ostasiens hat also eine lange Tradition.
Wie neue Beobachtungsstudien zeigen, senkt eine phytoestrogenreiche Kost das Risiko für hormonabhängige Tumore, zum Beispiel der Prostata. Man vermutet, dass der Schutzeffekt vor allem dann auftritt, wenn die Ernährung von Anfang an, also bereits im Kinder- und Jugendalter, reich an Isoflavonoiden ist.
Sojabohnen enthalten ungefähr 2 g Isoflavone pro Kilogramm Frischgewicht. Aus diesem Grund sind die Konzentrationen in Plasma und Prostataflüssigkeit bei asiatischen Männern 10 bis 100 mal höher als bei Männern in der westlichen Hemisphäre. Besonders hoch sind die Spiegel an Genistein.
Wirksames Pflanzenestrogen
Dieses Polyphenol, gelb gefärbt und wasserlöslich, weist eine strukturelle Ähnlichkeit zu 17β-Estradiol auf und bindet überwiegend an den Beta-Estrogenrezeptor, so auch in der Prostata. Zwar ist die Genistein-Wirkung um den Faktor 100 -10 000 geringer als die von Estradiol. Seine Konzentration kann die der Steroide jedoch um ein Vielfaches übersteigen. Die Menschen in Asien nehmen durchschnittlich 20-80 mg Genistein pro Tag auf, in den USA sind das hingegen nur 1-3 mg täglich.
Untersuchungen an großen Populationen zeigten, dass eine hohe Isoflavon-Aufnahme aus Soja mit einem 25-30% reduzierten Risiko für Prostatakrebs assoziiert ist. Das gilt auch für Genistein, das mengenmäßig häufigste und bioaktivste Isoflavon der Sojabohne. Demnach könnte der Naturstoff eine vorbeugende Rolle spielen.
Wie funktioniert das?
Genistein beeinflusst den Zellzyklus, bestimmte Signalwege und die Apoptose. Die praktische Anwendung ist jedoch kaum erforscht. Klarheit sollte eine randomisierte, kontrollierte und doppelblinde Intervention erbringen. Darin erhielten Patienten mit einem Prostatakarzinom einige Wochen vor der Entnahme des Organs täglich 30 mg Genistein.
Je nachdem, ob mit Genistein oder Placebo interveniert wurde, erkannte man in der Analyse mittels Polymerase-Kettenreaktion unterschiedlich veränderte Stellen im Genom und unterschiedlich abgelesene Gene. So war ein wichtiges Krebsgen weniger aktiv. Besonders aktiv zeigte sich dagegen ein Enzym, das tumorunterdrückend wirkt. Das Fazit: Genistein veränderte das Ablesen der Gene und wirkte auf molekulare Pfade, die beim der Fortschreiten der Erkrankung eine Rolle spielen.
Hemmt die Beweglichkeit
Wie sich die Dauer einer Genistein-Zufuhr auf menschliche Prostatazellen auswirkt, war Gegenstand einer aktuellen Studie. Darin verglich man auch die molekularen Profile im Prostatagewebe von erkrankten Chinesen, die in China leben und ihr Leben lang Genistein aufgenommen hatten, mit denen von Amerikanern, die in den USA leben. Diese hatten sich hauptsächlich mit rotem Fleisch ernährt.
Die molekularen Untersuchungen der Gewebeproben von Chinesen und Amerikanern wiesen auf einen interessanten Zusammenhang hin: Bei einer langfristigen Zufuhr reagierten die Prostatazellen auf den beweglichkeitshemmenden Effekt von Genistein. Generell dringen Krebszellen durch unkontrollierte Wanderung in die Nachbarzellen ein, streuen und bilden schließlich Metastasen. Ein Enzym, dass die Metastasierung vorantreibt, wurde dagegen um fast 50% weniger abgelesen, so die vergleichende Gewebeanalyse.
Die Langzeitaufnahme von Genistein induzierte also ausgleichende Veränderungen in den enzymatischen Biomarkern. Doch nicht zuletzt: Welche Höchstmengen gelten? Die tägliche Aufnahme von 50 mg Isoflavon ist sicher, das verdeutlichen epidemiologische Studien.
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