Können Nährstoff-Supplemente für die Hautgesundheit empfohlen werden? Wie ist die Evidenz? Und wozu raten die Fachgesellschaften? Da die Studienergebnisse sehr heterogen sind, fordern Experten umfangreichere klinische Studien. Eine Dermatologin und ein Biochemiker im Streitgespräch, das im Rahmen des EADV-Kongresses im September 2024 in Amsterdam stattfand.
Aus der Vielzahl der dermatologischen Erkrankungen und der unterschiedlichen Nahrungsergänzungsmittel legte Dr. med. Charlotte Näslund Koch (Universität Kopenhagen) den Fokus auf gut untersuchte Nährstoffe bei Psoriasis und atopischer Dermatitis. Um die Evidenz einzuschätzen, orientiere man sich an der hierarchisch gegliederten Studienqualität.
Ganz unten stehen Expertenmeinungen und Fallberichte, in der nächsten Stufe kommen Fall-Kontroll- und Kohortenstudien. Weiter oben die mendelschen Randomisationsstudien, die die Kausalität anhand von genetischen Varianten als Surrogatmarker untersuchen. An der Spitze schließlich der Goldstandard, randomisierte und kontrollierte Studien sowie Metaanalysen. Diese werden für Therapieempfehlungen herangezogen.
Keine Supplementation-Empfehlung bei Psoriasis
Patienten mit Psoriasis haben generell niedrigere Vitamin D-Spiegel, und in Fallserien mit Patienten war eine Vitamin D-Supplementation nützlich. Effekte wurden auch in nicht kontrollierten Open-label-Studien verzeichnet; jedoch blieben doppelblinde randomisierte Studien ohne Evidenz. Zur Kausalität gebe es widersprüchliche Nachweise, so dass keine Empfehlung – präventiv oder therapeutisch – bei Erwachsenen mit normalen Vitamin D-Spiegeln gegeben werden kann, so Näslund Koch. Bei niedrigen Vitamin D-Spiegeln genüge es, den allgemeinen Guidelines zu folgen. In Dänemark bedeute das eine Vitamin D-Supplementation von Oktober bis April.
Essentielle Fettsäuren werden in Psoriasis-Studien meist als Gamma-Linolensäure in Form von Fischöl supplementiert. Die vorhandenen Studien sind oft nicht kontrolliert, mit geringer Stichprobengröße und widersprüchlichen Ergebnissen. Da sich in randomisierten, kontrollierten Studien kein Nutzen zeigte, können Fischölsupplemente bei Psoriasis nicht empfohlen werden, so Näslund Koch.

Auch bei der Atopischen Dermatitis nicht empfehlenswert
Die Atopische Dermatitis kommt bei Erwachsenen und Kindern vor, welche zusätzlich auch an Lebensmittelallergien leiden können. Atopische Patienten weisen im Vergleich zu Gesunden niedrigere Spiegel an Vitamin D auf, wobei eine Korrelation zwischen dem Vitaminspiegel und der Schwere der Erkrankung beobachtet wird. Tatsächlich wurde in randomisierten, kontrollierten Studien nachgewiesen, dass eine Vitamin D-Supplementation die Schwere der Atopischen Dermatitis beeinflusst.
Jedoch bleiben Fragen, beispielsweise: Welches ist das optimale Alter, um mit einer Supplementation zu beginnen? Spielen die Basislinienwerte von Vitamin D eine Rolle? Welches ist die optimale Dosierung? Der aktuellen Literatur zufolge sind spezifische Empfehlungen im Moment nicht möglich.
In Beobachtungsstudien wurde ein Zusammenhang zwischen einer hohen Aufnahme von Omega-3-reichen Lebensmitteln und einem niedrigeren Risiko für die Atopische Dermatitis deutlich. Und es besteht nachweislich eine kausale Beziehung zwischen Omega-3 Fettsäuren und der Atopischen Dermatitis. In Interventionsstudien zeigten sich jedoch zwiespältige Ergebnisse, so Näslund Koch, was die Assoziation zwischen Omega-6/Omega-3 Fettsäuren und der Inzidenz und Schwere der Atopischen Dermatitis betrifft. Damit könne keine Empfehlung für eine Supplementation mit Fischöl gegeben werden.
Mikrobiotika und Atopische Dermatitis
Probiotika sind Bakterienstämme, die für das Darmmikrobiom günstig sind, während Prebiotika Substrate sind, die den Probiotika als Nahrung dienen. Postbiotika umfassen die Stoffwechselprodukte der Probiotika, vor allem kurzkettige Fettsäuren. Synbiotika schließlich bestehen aus Probiotika und Prebiotika.
Die Evidenz: Eine kürzliche Metaanalyse von 20 randomisierten, kontrollieren Studien mit Pro-, Syn- und Postbiotika zeigte eine signifikante Reduktion der Schwere der Atopischen Dermatitis. Doch hier ließe sich einwenden: Es wurden verschiedene Typen und Stämme von Probiotika, auch in Kombination, eingesetzt; die Behandlungsdauer variierte zwischen 8 und 32 Wochen, und die Teilnehmer waren zwischen einem und zehn Jahre alt.
Im Hinblick auf Nährstoffsupplemente könnte man schlussfolgern: Die Evidenz ist zwar spärlich, doch es sind harmlose Nahrungssupplemente. Warum können wir sie nicht empfehlen?
Dagegen Näslund Koch: Nahrungssupplemente sind nicht zwangsläufig unbedenklich. Sie wirken toxisch bei Überdosierung, können mit Arzneimitteln interagieren und Magen-Darm-Beschwerden hervorrufen. In der Diskussion liege der Fokus immer auf der Nahrungsergänzung statt auf einer allgemein gesunden Ernährung.
„Drei sinnvolle Maßnahmen“
Entsprechend empfiehlt die Dermatologin drei Maßnahmen:
- Sich gesund und variantenreich ernähren
- bei Adipositas Gewicht abnehmen
- den allgemeinen Guidelines für Nahrungssupplemente folgen.
Das bedeutet im Alltag: eine gesunde und vielfältige Ernährung – lebenslang – statt kurzzeitig hochdosiert zu supplementieren.
Primum non nocere
Gemäß Hippokrates sollte das ärztliche Handeln keinen Schaden zufügen, resümiert Näslund Koch, das gelte auch für den Einsatz von Supplementen. Wie eine aktuelle Studie zeigte, sind Nährstoffsupplemente und die allgemeine Sterblichkeit nicht positiv assoziiert.
Im Gegenteil, das Mortalitätsrisiko erhöhte sich unter einer Multivitaminsupplementation um vier Prozent. Untersucht wurden 390 124 Personen in einem mehr als 20 Jahre dauerndem Follow up. Auch für eine präventive Antioxidantiensupplementation bei Gesunden und bei Patienten mit verschiedenen Erkrankungen gebe es keine Evidenz. Beta-Carotin, Vitamin E und Vitamin A könnten das Mortalitätsrisiko möglicherweise sogar erhöhen.
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